Unsere Geschichte
Die Entstehung der Genossenschaften in Basel sowie Gründung der Wohngenossenschaft Bündnerstrasse
Freitag, 29. Juni 1945, 18 Uhr im Braunen Mutz: Fünf engagierte Basler Bürger setzen sich zusammen und als sie sich eine Stunde später voneinander verabschieden, ist die Wohngenossenschaft Bündnerstrasse gegründet.
Der Präsident Dr. Friedrich Wieser-Seglias ruft schon am folgenden Donnerstag den Vizepräsident Fritz Bertschmann-Schnell, den Kassier Jules Bosshardt und den Sekretär Max Hasler-Mager zusammen, um das unterschriebene Gründungsprotokoll im Handelsregister einzureichen. Zweck der Genossenschaft ist es, in gemeinsamer Selbsthilfe den Mitgliedern gesunden und preiswerten Wohnraum zur Verfügung zu stellen und den Wohnraum dauerhaft der Spekulation zu entziehen.
Die Wohnungsnot für Arbeiterfamilien ist gross in Basel: Durch die Altstadtsanierung von 1891 bis 1913 und sanitätspolizeilichen Massnahmen wurde der Arbeiterschicht der günstige Wohnraum geraubt. Ein Beispiel von 1921 zeigt die katastrophale Wohnsituation der Unterschicht: Eine 13-köpfige Familie lebte in 3 kleinen Zimmern, die Wäsche musste in der Küche auf einem Holzherd mit 2 Kochstellen bewältigt werden und die nasse Wäsche in der schlecht beheizten Wohnung aufgehängt werden. So waren die Matratzen feucht, der Schimmel überall und die Kinder kamen im Winter durchgefroren in die Schule.
Obdachlose Familien wurden in Schulhäuser einquartiert. So lebten im Thomas-Platter-Schulhaus 150 Personen, die sich 9 Wasserhähne teilten und mit ihren notdürftigen Kochstellen die Schulräume verrussten. Lehrer und Hauswarte beklagten sich, dass der Schulbetrieb erheblich litte. Diese Lebensbedingungen führten zu einem Generalstreik 1919. Die Wirtschaftskrise 1929 machte die Situation noch schlimmer.
Die staatlichen Stellen und das Bürgertum fühlten sich verantwortlich, Massnahmen gegen die Wohnungsnot zu ergreifen und gesunden und gleichzeitig günstigen Wohnraum zu schaffen. Baufachleute, Architekten, Juristen, Industrielle sowie Handels- und Bankfachleute schlossen sich im Schweizerischen Verband zur Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus zusammen. 1936 wurde der Arbeitsrappen eingeführt und der private und genossenschaftliche Wohnungsbau wurde grosszügig unterstützt. Bauland wurde günstig abgegeben und die Subventionen betrugen im Januar 1945 38% der Baukosten, wenn man sich der Gemeinnützigkeit verpflichtete.
Schon im Oktober 1944 verlangte die Regierung vom Grossen Rat die Bewilligung eines Kredites um die Bautätigkeit wieder anzukurbeln. Denn es war zu erwarten, dass nach der Rückkehr der Männer aus dem Aktivdienst viele zurückgestellte Heiraten geschlossen würden, auch befürchtete man einen erneuten Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Auch die Gründer unserer Genossenschaft handelten nicht für sich selbst, sondern waren in verschiedenen Gremien tätig. So war Dr. Wieser Sekretär des Schweizerischen Mieterverbandes, Dr. Leupold, der beratende Advokat bei der Gründung der WGB, war Vizepräsident an der genossenschaftlichen Zentralbank sowie Gründungspräsident vom Bund der Wohngenossenschaften (Gründung 1926). Ausser dem Vizepräsident und dem Beisitzer (Walter Regenass) bezog niemand der Herren eine Wohnung in der Genossenschaft.
Die 5 Männer hatten es eilig mit dem Beginn des Bauvorhabens, denn im Jahre 1945 stiegen die Baukosten um 165% und man befürchtete einen weiteren Anstieg. Leider waren die Bauunternehmungen völlig überlastet, es gab zu wenig ausgebildete Handwerker und das Material war beschränkt. 1946 gab es Zement für nur 12'000 Wohnungen, Kalksandsteine für nur 8'000, so dass die restlichen 4'000 Wohnungen sich mit Bruchsteinen zufriedengeben mussten. Badewannen waren nicht mehr lieferbar, so dass 2/3 der Wohnungen keine erhielten und den Bauherren geraten wurde, vorübergehend im Keller eine Badewanne für alle Mieter aufzustellen.
1946 wurde eine Resolution des Schweizerischen Verbandes für Wohnungswesen eingereicht, die die vom Bund vorgesehenen Massnahmen zur Sicherung des notwendigen Wohnungsbaus als dringlich ansieht. Sie befürwortete die Melde- und Bewilligungspflicht für Bauten, um die notwendigen Arbeitskräfte und Baumaterialien zu reservieren. Die damalige Baukostenteuerung erforderte grosse öffentliche Beiträge.
Doch schon bald war der Wirtschaftsaufschwung zu erkennen und eine Unterstützung in grossem Ausmasse wurde immer unnötiger. Die ständig neuen Bestimmungen führten jedoch zu Schwierigkeiten bei der Abschätzung der Mietzinse. An der Generalversammlung 1948 wurde verkündet, dass der Bund die Subventionen von 35% auf 25% gesenkt habe. Auch Bauland wurde schon ab 1947 nur noch im Baurecht abgegeben, was noch heute die Liegenschaft an der Hegenheimerstrasse belastet. Zum Glück war 1946 das Bauland am Wasgenring sowie an der Kraftstrasse und für den Kindergarten an der Sierenzerstrasse gesichert worden (Die Kraftstrasse wurde 1966 im Austausch mit dem Luzernerring verkauft.).
Noch existierten unsere Liegenschaften an der Sierenzerstrasse nicht; ein lauschiges Weglein zieht sich durch Schrebergärten und auf dem heutigen Oekmätteli ist eine kleine Bauschuttdeponie. Gegen das neu geplante Strassenstück erhob der Architekt Eduard Seeger Einspruch, denn die gebogene Strassenführung erlaubte es nicht, auf beiden Seiten durchgezogene Bauten zu erstellen. Der Abstand zur Colmarerstrasse und zum St. Gallerring liess aber keine gerade Strasse zu und so entstanden in zwei Bauetappen die 10 Häuser an der Sierenzerstrasse, wie wir sie heute kennen.
Die letzten Wohnungen wurden am 1. April 1948 bezogen, die Genossenschaft war weit herum bekannt für ihre grosszügigen Wohnungen, so dass es für die 40 Wohnungen auf der Geraden Seite 150 Anmeldungen gab. Die Mieten betrugen 1948 um die CHF 150.- pro Monat. Das Wohnungsamt kontrollierte, ob die Einkommensgrenze der Mieter überschritten wurde. Aus diesem Grund mussten 1953 zwei Mietern gekündigt werden.
Es war eine grosse Ehre, ein Amt im Vorstand zu bekleiden und so kam es zu Scharmützeln an Vorstandssitzungen und an Generalversammlungen, sowie auch im Privatbereich. Genossenschaften bilden eine Alternative zwischen Miete und Eigentum. Dabei führt die ungewohnte Doppelrolle als Mieter und Mitbesitzer der Liegenschaften zu schwierigen Situationen, was zum Beispiel im Hinblick auf die Gestaltung der Mietzinse leicht nachzuvollziehen ist.
Die Genossenschaftsbewegung in Basel
Die Geschichte der Wohngenossenschaften in der Region Basel beginnt mit der Begründung der Basler Wohngenossenschaft im Jahre 1900. Zwischen den Weltkriegen war die erste Blütezeit der Genossenschaftsbewegung. Nach dem Gartenstadt-Modell wurden viele Reihenfamilienhäuser mit Pflanzengarten gebaut. Während des zweiten Weltkrieges kam die Bautätigkeit zum Erliegen, in den Jahren 1943 bis 1950 wurden dann aber 71 Genossenschaften gegründet. Trotz oder gerade wegen der Hochkonjunktur stagnierte die genossenschaftliche Bautätigkeit in den 50er-Jahren.
In der ganzen Schweiz haben die 162'000 Genossenschaftswohnungen heute einen Marktanteil von 5,1%. Heute existieren in der Region Basel rund 200 Wohngenossenschaften mit etwa 14'000 Wohnungen. Über die Hälfte sind Dreizimmer-Wohnungen. Im Vergleich zum Gesamtwohnungsbestand sind vor allem Klein- und Grosswohnungen untervertreten. Das liegt daran, dass dies Ende der Vierzigerjahre als unnötig klassifiziert und nur beschränkt subventioniert wurden. Auch der damalige Vorstand diskutierte darüber, ob 4-Zimmer-Wohnungen vielleicht gar nicht gefragt wären und die Anzahl 16 nicht zu hoch gegriffen sei.
Ohne Wohnbauförderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts gäbe es den genossenschaftlichen Wohnungsbau nicht. Im Jahre 2003 beschloss der Gesetzgeber zwar ein neues Wohnraumförderungsgesetz, verweigerte jedoch im Rahmen der Sparmassnahmen die bis 2007 vorgesehenen Mittel für die Gewährung von Darlehen zur Verbilligung von Wohnraum.
In vielen Städten wurde indes die intensive Neubautätigkeit der Gründerzeit nicht mehr fortgesetzt, was an fehlendem Leidensdruck durch Not leidende Wohnungssuchende, Wegfall der grosszügigen Wohnbauförderung und am Mangel an zahlbarem Land, aber auch an mangelnder Ambition und Risikobereitschaft mancher Vorstände liegt. Wichtig ist für die Zukunft, bauliche Strukturprobleme zu lösen und weiter zu bauen und zu kaufen. Wie viele andere Genossenschaften ist deshalb auch die WGB heute intensiv mit Renovationen beschäftigt, um grössere Wohnungen anbieten zu können. Unterstützung durch die öffentliche Hand und Abgabe von Bauland würde auch heute noch der Stadtentwicklung dienen.
Ausblick und Zukunft
Heute gelten Genossenschaften als verstaubt, was den Generationenwechsel erschwert. Das genossenschaftliche Bewusstsein der neuen Mitglieder ist oft nur schwach vorhanden, so dass sich die Suche nach neuen Vorstandsmitgliedern schwierig gestaltet.
Dem Negativimage kann nur durch eine lebendige und neuzeitliche Ausrichtung des Lebensraums Genossenschaft begegnet werden. Durch die Förderung der genossenschaftlichen Identität und die Aktivierung der Mitglieder kann der sozialpolitische Auftrag erfüllt werden. Die weitere Entwicklung und der Erhalt von günstigem und trotzdem qualitativ gutem Wohnraum sind grundsätzlich von aktiven und an der Idee "Genossenschaft" interessierten Mitgliedern abhängig.
Petra Chappuis und Monika Willin
(Dieser Artikel wurde anlässlich des 60 Jahr Jubiläums der Wohngenossenschaft Bündnerstrasse durch zwei Mitglieder verfasst.)
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